{"id":1469,"date":"2022-11-17T11:09:18","date_gmt":"2022-11-17T11:09:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sahra-damus.de\/wordpress\/?p=1469"},"modified":"2022-11-17T11:24:53","modified_gmt":"2022-11-17T11:24:53","slug":"meine-rede-im-landtag-gegen-transphobie-von-rechts-und-fuer-fachgerechte-medizinische-unterstuetzung-fuer-transpersonen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sahra-damus.de\/wordpress\/meine-rede-im-landtag-gegen-transphobie-von-rechts-und-fuer-fachgerechte-medizinische-unterstuetzung-fuer-transpersonen\/","title":{"rendered":"Meine Rede im Landtag: Gegen Transphobie von rechts und f\u00fcr fachgerechte medizinische Unterst\u00fctzung f\u00fcr Trans*personen"},"content":{"rendered":"<p>Uns liegt hier erneut ein Antrag der AfD vor, den es so \u00e4hnlich schon in anderen Parlamenten gegeben hat. Und wie so oft: Sie greifen ein wichtiges Thema auf, werden ihm aber \u00fcberhaupt nicht gerecht, sondern nutzen es f\u00fcr Populismus und Stigmatisierung der Betroffenen.<!--more--><!--noteaser--><br \/>\n<em>&#8211; Es gilt das gesprochene Wort!<\/em><\/p>\n<p>Sehr geehrte Frau Pr\u00e4sidentin, Liebe Kolleg*innen, Werte G\u00e4ste,<\/p>\n<p>Uns liegt hier erneut ein Antrag der AfD vor, den es so \u00e4hnlich schon in anderen Parlamenten gegeben hat. Und wie so oft: Sie greifen ein wichtiges Thema auf, werden ihm aber \u00fcberhaupt nicht gerecht, sondern nutzen es f\u00fcr Populismus und Stigmatisierung der Betroffenen.<br \/>\nWarum ist das Thema wichtig? Die Pubert\u00e4t wird von einigen Kindern und Jugendlichen als extrem belastend erlebt, n\u00e4mlich vor allem dann, wenn sie sich einem anderen Geschlecht zugeh\u00f6rig f\u00fchlen, als ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Jungen, die eigentlich als M\u00e4dchen leben m\u00f6chte, f\u00fcrchten sich vor Stimmbruch und Bartwuchs. M\u00e4dchen, die als Junge leben wollen, vor der Brustentwicklung und der Menstruation. F\u00fcr diese Kinder und Jugendlichen sind in den letzten 20 Jahren spezialisierte Beratungsm\u00f6glichkeiten und auch Behandlungen entwickelt worden. Und das ist f\u00fcr Betroffene eine gro\u00dfe Erleichterung.<\/p>\n<p>Die AfD hingegen findet diese F\u00e4lle \u201cdramatisch\u201d und spricht von einer \u201eModediagnose\u201c ja, gar einem \u201eTranshype\u201c. Es lohnt sich aber, genauer nachzulesen, wie Wissenschaftler*innen die Entwicklungen erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Viele gehen n\u00e4mlich davon aus, dass es genau anders herum ist: Nicht das Ph\u00e4nomen kommt h\u00e4ufiger vor und daher lesen wir davon in den Medien. Sondern: Das Ph\u00e4nomen war schon immer da, es ist heutzutage aber sichtbarer und darum entsteht der Eindruck, dass es h\u00e4ufiger vorkommt. Anders gesagt: Betroffene Kinder und deren Eltern mussten das fr\u00fcher meist mit sich alleine ausmachen, trauten sich nicht, Probleme anzusprechen oder wussten schlicht nicht, an wen sie sich wenden sollen. Daher geschah ein Outing meist erst im Erwachsenenalter. Die h\u00f6here gesellschaftliche Akzeptanz f\u00fchrt nun aber dazu, dass Menschen sich auch schon im Jugendalter trauen, eine m\u00f6gliche Transidentit\u00e4t zu thematisieren und professionelle Hilfe zu suchen. Das ist etwas, das wir begr\u00fc\u00dfen, nicht verteufeln sollten.<\/p>\n<p>Die AfD meint nun, Unterst\u00fctzung f\u00fcr ihre Ablehnung von Pubert\u00e4tsblockern beim Ethikrat gefunden zu haben, weil dieser mehr Forschung zu dem Thema anmahnt. Nun, es ist richtig, dass es tats\u00e4chlich erst wenige Langzeitstudien zu Hormonbehandlungen gibt. Dies trifft allerdings immer erst mal auf neue Behandlungsm\u00f6glichkeiten zu. Forschung dazu findet jedoch statt und ich werde daraus auch noch zitieren.<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich ist es ja schon mal gut, dass Sie die Empfehlungen des Ethikrats gefunden haben, Sie h\u00e4tten nur weiterlesen m\u00fcssen. Denn der Ethikrat weist auch auf einige Dinge, die nicht so recht zu Ihrem Antrag passen, die Sie aber weglassen. So stellt er fest: Neben den \u201cRisiken, (Neben-)Wirkungen und langfristigen Folgen [\u2026], die dem\/der Minderj\u00e4hrigen durch aktives medizinisch-therapeutisches Eingreifen entst\u00fcnden, m\u00fcssen auch solche ber\u00fccksichtigt werden, die durch das Unterlassen von Ma\u00dfnahmen drohen.\u201c<\/p>\n<p>Hier spricht man auch vom Dilemma der Unumkehrbarkeit oder dem \u201eIrreversibilit\u00e4ts-Dilemma\u201c: Ein Herausz\u00f6gern der Pubert\u00e4t ist im Nachhinein nicht \u00e4nderbar, die Pubert\u00e4t geschehen zu lassen aber eben auch nicht. Daher ist der Zeitgewinn f\u00fcr diese Kinder und Jugendlichen so wertvoll, weil sie eine wohl\u00fcberlegte Entscheidung treffen k\u00f6nnen, bevor die k\u00f6rperliche Entwicklung zu weit voran geschritten ist.<\/p>\n<p>Der Ethikrat weist ferner daraufhin, dass Trans-Identit\u00e4t bei Kindern entstigmatisiert werden muss und die betroffenen Kinder nicht pathologisiert werden sollten. Stigmatisieren und L\u00e4cherlichmachen ist aber leider genau das, was sie tun, wenn Sie eine kleine Anfrage an die Landesregierung richten, wie diese bei Minderj\u00e4hrigen sicherstelle, dass sie sich \u201c [\u2026] nicht leichtfertig in eine Transitionstherapie st\u00fcrzen, weil sie irgendwo etwas dar\u00fcber aufgeschnappt haben oder beispielsweise gemobbt wurden?\u201d<\/p>\n<p>Das zeigt, dass sie \u00fcberhaupt keine Vorstellung haben, was da tats\u00e4chlich passiert. Bei Ihnen klingt das, als ob man irgendeine bunte Pille einschmei\u00dft, je nachdem wie die Laune gerade ist. In Wirklichkeit ist es doch aber so: Betroffene Kinder und ihre Eltern nehmen \u00fcber einen langen Zeitraum Beratungen in spezialisierten Beratungsstellen wahr. Sollte dann nach sorgf\u00e4ltiger Abw\u00e4gung mit Psycholog*innen und \u00c4rzt*innen die Entscheidung f\u00fcr eine Behandlung mit Pubert\u00e4tsblockern fallen, macht sich garantiert niemand diese Entscheidung leicht. Ihre Rhetorik ist eine Missachtung all derjeningen, die vor so einer schwierigen Entscheidung stehen.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang wird auch immer wieder diskutiert, warum es anscheinend mehr M\u00e4dchen gibt, die als Jungen leben wollen als umgekehrt. Auch hier lohnt ein differenzierter Blick: Im Erwachsenenalter zeigt sich n\u00e4mlich eine relativ gleichm\u00e4\u00dfige Verteilung: etwa ein Drittel der Trans*personen ist trans*m\u00e4nnlich, eine weiteres Drittel trans*weiblich und das letzte Drittel nicht*bin\u00e4r, wie die gr\u00f6\u00dfte Studie zum Thema, die U.S. Transgender Survey zeigt. Die Unterschiede bei Kindern und Jugendlichen ergeben sich u.a. durch den Zeitpunkt und die Dauer des Outings. Outings von M\u00e4dchen, die als Jungen leben wollten fanden bisher gesellschaftlich weniger Beachtung. Jungs hingegen, die als M\u00e4dchen leben wollen, stehen offenbar unter st\u00e4rkerem gesellschaftlichen Druck, Rollenbildern zu entsprechen. Daher outen sie sich h\u00e4ufig erst sp\u00e4ter und oft nach dem Kindes- und Jugendalter. Es vergeht bei ihnen auch mehr Zeit zwischen der eigenen Erkenntnis \u2013 also dem inneren Coming-out &#8211; und dem Nach-Au\u00dfen-gehen damit &#8211; also dem \u00e4u\u00dferen Coming-out. Laut einer Studie des Deutschen Jugendinstituts dauert dieser Prozess bei trans*weiblichen Jugendlichen im Durchschnitt 6,8 Jahre, bei trans*m\u00e4nnlichen Jugendlichen hingegen \u201cnur\u201d 3,5 bis 4 Jahre.<\/p>\n<p>Nun f\u00fchren Sie noch ins Feld, dass die meisten Jugendlichen die Geschlechts\u00e4nderung sp\u00e4ter bereuen w\u00fcrden. Nur in 25 bis zwei Prozent der F\u00e4lle w\u00fcrde es l\u00e4nger anhalten. Woher diese 2 bis 25% kommen, ist aus ihrem Antrag nicht zu entnehmen. Ein Blick in neueste Forschungsergebnisse der Universit\u00e4t Amsterdam (2022) mit rund 700 Befragten zeigt hingegen, dass 98 Prozent der Behandelten die Hormoneinnahme sp\u00e4ter fortf\u00fchrten. Als entscheidend f\u00fcr die sp\u00e4tere Zufriedenheit der Betroffenen stellte sich die Beratung und die therapeutische Begleitung heraus. Damit Jugendliche im Zweifel aber auch entscheiden k\u00f6nnen, die Behandlung abzubrechen, werden erste pubert\u00e4re Ver\u00e4nderungen sogar zugelassen und die Reaktionen der Betroffenen abgewartet. Sie sind wichtig f\u00fcr die Diagnose und liefern Klarheit bei der Entscheidung f\u00fcr oder gegen eine Geschlechtsumwandlung.<\/p>\n<p>Die AfD m\u00f6chte jedoch gar keine Behandlung, sondern fordert stattdessen Pubert\u00e4tsblocker f\u00fcr unter 18-J\u00e4hrige komplett zu verbieten. Super L\u00f6sung &#8211; es g\u00e4be also praktisch gar keine Einsatzm\u00f6glichkeit mehr. Denn wir alle wissen, dass die Pubert\u00e4t vor dem 18. Lebensjahr beginnt. Das ist ungef\u00e4hr so, als w\u00fcrden sie die Pille so lange verbieten, bis sie sich durch die Wechseljahre eh erledigt hat. Was es wirklich braucht, ist ein sorgsamer, gut abgewogener und wissenschaftlich fundierter Umgang mit Pubert\u00e4tsblockern. Aber nat\u00fcrlich f\u00fcr die Altersgruppe, in der sie \u00fcberhaupt nur Sinn ergeben.<\/p>\n<p>Eine Behandlung mit Pubert\u00e4tsblockern kann Trans*personen ein gl\u00fcckliches und erf\u00fclltes Leben erm\u00f6glichen. Wir sollten anerkennen, dass eine Nichtbehandlung auch gro\u00dfes pers\u00f6nliches Leid bedeuten kann, bis hin zu psychischen Erkrankungen und Suiziden. Wichtig ist eine gut abgewogene Entscheidung, nach spezialisierter Beratung. Was es aber definitiv nicht braucht, ist ein Antrag wie der Ihre, der Betroffene ver\u00e4chtlich macht und ihren Behandlungsbedarf nicht ernst nimmt. Wir werden Ihren Antrag daher ablehnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Uns liegt hier erneut ein Antrag der AfD vor, den es so \u00e4hnlich schon in anderen Parlamenten gegeben hat. Und wie so oft: Sie greifen ein wichtiges Thema auf, werden [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8,9,1],"tags":[52],"class_list":["post-1469","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-imlandtag","category-meine_reden","category-uncategorized","tag-queer"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.sahra-damus.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1469","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.sahra-damus.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.sahra-damus.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sahra-damus.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sahra-damus.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1469"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.sahra-damus.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1469\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1472,"href":"https:\/\/www.sahra-damus.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1469\/revisions\/1472"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.sahra-damus.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1469"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sahra-damus.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1469"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sahra-damus.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1469"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}