{"id":198,"date":"2020-01-22T11:00:57","date_gmt":"2020-01-22T11:00:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sahra-damus.de\/wordpress?p=198"},"modified":"2020-04-09T08:13:12","modified_gmt":"2020-04-09T08:13:12","slug":"meine-rede-zum-antrag-der-fraktion-die-linke-codex-fuer-gute-arbeit-in-der-wissenschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sahra-damus.de\/wordpress\/meine-rede-zum-antrag-der-fraktion-die-linke-codex-fuer-gute-arbeit-in-der-wissenschaft\/","title":{"rendered":"Meine Rede zum Antrag der Fraktion DIE LINKE &#8220;Codex f\u00fcr Gute Arbeit in der Wissenschaft&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Es gilt das gesprochene Wort!<\/p>\n<blockquote><p><em>Sehr geehrte Frau Pr\u00e4sidentin, liebe Kolleg*innen, werte G\u00e4ste<\/em><\/p>\n<p><em>Am letzten Mittwoch hat das\u00a0<a href=\"http:\/\/frististfrust.net\/\">B\u00fcndnis Frist ist Frust<\/a><strong>hier<\/strong>\u00a0vor dem Landtag protestiert. Ich finde es richtig, dass die Besch\u00e4ftigten an den Hochschulen uns laut und deutlich sagen, wie ihre Arbeitsbedingungen sind.<\/em><\/p>\n<p><em>9 von 10 Besch\u00e4ftigten an Hochschulen sind befristet. In der freien Wirtschaft ist es genau umgekehrt.<\/em><\/p>\n<p><em>Stellen Sie sich das mal vor, auf 9 befristete Kolleg*innen kommt nur eine unbefristete Person. Und damit meine ich jetzt nicht die Professor*innen, sondern die vielen wissenschaftlichen Mitarbeitenden, die einen Gro\u00dfteil der Lehre an Hochschulen \u00fcbernehmen. Auch ich habe 10 Jahre an einer Hochschule gearbeitet, 9 Jahre davon befristet.<\/em><\/p>\n<p><em>Klar, in der Wissenschaft wird immer ein gewisses Ma\u00df an Befristung notwendig sein, um die zwei Qualifikationsphasen zu erm\u00f6glichen \u2013 die Promotion und die Postdoc-Phase. Aber dieser enorme Anteil von \u00fcber 90% Befristung l\u00e4sst dadurch nicht erkl\u00e4ren. Es werden immer mehr Daueraufgaben von befristet Besch\u00e4ftigten \u00fcbernommen. Grundst\u00e4ndige Lehre, Beratung und Betreuung von Studierenden, Koordination von Studieng\u00e4ngen, T\u00e4tigkeiten an Gro\u00dfger\u00e4ten, in Laboren und vieles mehr.<\/em><\/p>\n<p><em>Wissenschaftliche Mitarbeitende hangeln sich oft von einem befristeten Vertrag zum n\u00e4chsten. Manche bis sie 40, manche bis sie 50 sind. Sie verschieben Familiengr\u00fcndungen, riskieren Altersarmut. Wissenschaftlerinnen bleiben h\u00e4ufiger kinderlos als Wissenschaftler, weil sie ihre Arbeit als zu unsicher empfinden. Oft sind sie in prek\u00e4rer Teilzeit besch\u00e4ftigt, die sie sich nicht selbst ausgesucht haben, sondern die entsteht, weil regul\u00e4re Stellen geteilt oder gar gedrittelt werden und dann nicht mehr zum Leben reichen.<\/em><\/p>\n<p><em>Qualit\u00e4t in der Lehre, gute Betreuung und unabh\u00e4ngige Forschung erfordern auch gute und verl\u00e4ssliche Arbeitsbedingungen. Wie soll jemand, der um die Vertragsverl\u00e4ngerung zittert oder von einer 20h-Stelle nicht leben kann, gut lehren und forschen? Das wird der Wichtigkeit der Aufgabe nicht gerecht. Wir m\u00fcssen endlich eines begreifen: Gute Arbeitsbedingungen sind doch erst die Voraussetzung f\u00fcr gute Studienbedingungen.<\/em><\/p>\n<p><em>Brandenburg hat da schon einiges getan. 2014 haben wir als eines der ersten Bundesl\u00e4nder Mindestvertragslaufzeiten eingef\u00fchrt und die Familienfreundlichkeit gest\u00e4rkt. In den Hochschulvertr\u00e4gen wurde im letzten Jahr der Grundsatz \u201eGute Arbeit\u201c verankert. Einige Hochschulen haben Dienstvereinbarungen oder Richtlinien verabschiedet. Und doch zeigt sich, dass in der Praxis noch viel zu tun bleibt.<\/em><\/p>\n<p><em>In einem Fachgespr\u00e4ch in der letzten Sitzung des Ausschusses f\u00fcr Wissenschaft, Forschung und Kultur haben wir uns mit der Lebensrealit\u00e4t der Betroffenen auseinandergesetzt. So hat die Lehrverpflichtung in den letzten Jahren zugenommen, damit schrumpft die Zeit f\u00fcr Forschung und Betreuung der Studierenden. Studentische Besch\u00e4ftige sind weiterhin ohne Tarifbindung. Lehrbeauftragte \u00fcbernehmen Aufgaben, die eigentlich durch sozialversicherungspflichtige Besch\u00e4ftigte abgedeckt sein m\u00fcssten. Die familienpolitische Komponente wird noch nicht an allen ochschulen gleicherma\u00dfen angewendet. Und gleichwohl: Das macht ja keine Hochschulleitung und kein Vorgesetzter, weil sie sagen: Das ist toll so!<\/em><\/p>\n<p><em>Sie m\u00fcssen die Mittel der Hochschulen effizient einsetzen, sie m\u00fcssen Sorge tragen, dass die Lehre abgedeckt wird und sie tragen die Verantwortung, dass Qualifizierung m\u00f6glich ist. Sie haben die undankbare Aufgabe, die zu kurze Decke mal hier hin mal da hin zu ziehen.<\/em><\/p>\n<p><em>Wir haben seit Jahren einen Zielkonflikt im Wissenschaftssystem, in dem beide Interessenslagen nicht so recht zusammenkommen. Ich bin der Meinung, Zielkonflikte l\u00f6st man am besten, indem man sie gemeinsam mit den Beteiligten bearbeitet. Und zwar mit allen Beteiligten, an einem Tisch, auf Augenh\u00f6he. So w\u00e4chst Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Position des anderen.<\/em><\/p>\n<p><em>Wir m\u00fcssen gemeinsam definieren, was wir unter guter Arbeit verstehen und Wege finden, die f\u00fcr beide Seiten tragbar sind. Genau das haben wir uns mit dem Koalitionsvertrag vorgenommen. Wir wollen einen strukturierten Dialogprozess zum Thema Gute Arbeit und Hochschulen starten.<\/em><\/p>\n<p><em>Der Antrag der LINKEN verfolgt die gleichen Ziele und schl\u00e4gt einen \u201eCodex f\u00fcr Gute Arbeit\u201c vor. Solch ein Codex kann Ergebnis eines Dialogprozesses sein. Ich habe mich mit \u00e4hnlichen Dialogprozessen in anderen Bundesl\u00e4ndern besch\u00e4ftigt. NRW hatte sich ebenfalls einen Codex vorgenommen. Th\u00fcringen hat sich auf \u00c4nderungen im Hochschulgesetz fokussiert. Wir sollten noch einmal \u00fcberlegen, ob ein Codex alleine die beste L\u00f6sung ist oder ob nicht bestimmte Dinge besser gesetzlich oder tarifvertraglich geregelt werden k\u00f6nnen.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich bin daf\u00fcr, dass wir gemeinsam mit den Betroffenen und den Hochschulleitungen erarbeiten, wie wir diese Zielkonflikte l\u00f6sen und wie wir zu einem Verst\u00e4ndnis von guter Arbeit und zu mehr Verbindlichkeit kommen.<\/em><\/p>\n<p><em>Daher wollen wir den Antrag der LINKEN in den Fachausschuss \u00fcberweisen und dort die Diskussion fortf\u00fchren, die wir im Fachgespr\u00e4ch begonnen haben.<\/em><\/p>\n<p><em>Es ist an der Zeit, dass wir das Prinzip \u201eGute Arbeit\u201c \u2013 wie in anderen Berufsfeldern auch \u2013 genau ausbuchstabieren und f\u00fcr alle Beteiligten tragbare, praktikable und verbindliche L\u00f6sungen finden.<\/em><\/p>\n<p><em>Vielen Dank.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p><a href=\"https:\/\/www.parlamentsdokumentation.brandenburg.de\/starweb\/LBB\/ELVIS\/parladoku\/w7\/drs\/ab_0100\/183.pdf\">&gt;&gt; Antrag Codex f\u00fcr &#8220;Gute Arbeit in der Wissenschaft&#8221; jetzt initiieren (pdf-Datei)<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.rbb-online.de\/imparlament\/brandenburg\/2020\/22--januar-2020\/07--Sitzung-des-Brandenburger-Landtags\/codex-fuer--gute-arbeit-in-der-wissenschaft--jetzt-initiieren.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">&gt;&gt; Video zur parlamentarischen Debatte vom 23.02.20 (Quelle: rbb)<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gilt das gesprochene Wort! 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