{"id":620,"date":"2021-03-25T15:00:39","date_gmt":"2021-03-25T15:00:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sahra-damus.de\/wordpress\/?p=620"},"modified":"2021-03-31T06:58:42","modified_gmt":"2021-03-31T06:58:42","slug":"meine-rede-zum-mehrsprachigkeitskonzept-zur-staerkung-der-angestammten-regional-und-minderheitensprachen-brandenburgs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sahra-damus.de\/wordpress\/meine-rede-zum-mehrsprachigkeitskonzept-zur-staerkung-der-angestammten-regional-und-minderheitensprachen-brandenburgs\/","title":{"rendered":"Meine Rede zum Mehrsprachigkeitskonzept zur St\u00e4rkung der angestammten Regional- und Minderheitensprachen Brandenburgs"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.rbb-online.de\/imparlament\/brandenburg\/2021\/25--maerz-2021\/25__maerz_2021_-_40__Sitzung_des_Brandenburger_Landtags\/sarah-damus--buendnis-90-die-gruenen---top7.html\">&gt;&gt; Video zur Rede (Quelle: rbb)<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.parlamentsdokumentation.brandenburg.de\/starweb\/LBB\/ELVIS\/parladoku\/w7\/drs\/ab_3200\/3204.pdf\">&gt;&gt;Link zum Antrag<\/a><!--more--><\/p>\n<p><em>&#8211; Es gilt das gesprochene Wort!<\/em><\/p>\n<p>Szanowna pani prezydentko \/<\/p>\n<p>Szanowny panie wiceprezydencie \/<\/p>\n<p>Szanowna pani wiceprezydentko<\/p>\n<p>Drogie kole\u017canki i drodzy koledzy,<\/p>\n<p>Drodzy go\u015bcie<\/p>\n<p>Ciesz\u0119 si\u0119 bardzo, \u017ce rozmawiamy dzisiaj o j\u0119zyku polskim w naszym parlamencie i r\u00f3wnie\u017c o innych j\u0119zykach, w jakich rozmawiamy w Brandenburgii. Ich habe gesagt: Ich freue mich, dass wir heute \u00fcber Polnisch und all die anderen in Brandenburg gesprochen Sprachen hier im Landtag reden. Ich k\u00f6nnte Ihnen das jetzt leider nicht auch auf Sorbisch, Niederdeutsch oder Romanes sagen, aber es gibt bestimmt andere Kolleg*innen hier im Raum, die das k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wir diskutieren heute unseren Antrag f\u00fcr ein Brandenburgisches Mehrsprachigkeitskonzept.<\/p>\n<p>Das Leitbild \u201eMuttersprache plus zwei\u201c hat die Europ\u00e4ische Kommission bereits 2002, also vor fast 20 Jahren, beschlossen. Es meint das Ziel, dass alle EU-B\u00fcrger*innen neben ihrer eigenen Sprache zwei weitere sprechen sollten. Unstrittig ist wohl, dass eine davon meist Englisch sein wird. Aber was ist die zweite? Mein Wunsch w\u00e4re, dass es m\u00f6glichst oft eine Nachbarsprache oder eine Minderheitensprache ist. Nat\u00fcrlich haben wir eine ganze Reihe von Fremdsprachen an unseren Schulen, da scheinen Franz\u00f6sisch, Spanisch, Latein oft wichtiger. Aber: es muss auch nicht bei \u201eplus zwei\u201c bleiben, drei oder mehr Sprachen sind nat\u00fcrlich noch besser.<\/p>\n<p>Es klingt kurios, aber: Je mehr Sprachen wir lernen, desto einfacher wird es bei der n\u00e4chsten. Denn beim Lernen vergleichen wir die Sprachen miteinander und verstehen, wie Sprachen an sich funktionieren, das nennt sich sprach\u00fcbergreifende Kompetenzen. Lassen Sie uns Sprachen als Werkzeuge sehen, von denen wir in unserem Werkzeugkoffer nie genug haben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich will versuchen am Beispiel des Polnischen zu zeigen, wie wir Sprachkenntnisse nachhaltig ausbauen k\u00f6nnen. Und das, was ich sage, ist in vielen F\u00e4llen genauso \u00fcbertragbar auf Sorbisch oder Niederdeutsch.<\/p>\n<p>Bei Polnisch denken viele erstmal, ohje, was f\u00fcr eine schwere Sprache. Man k\u00f6nnte also meinen, das sei eher was f\u00fcr die h\u00f6heren Klassenstufen, vielleicht f\u00fcrs Gymnasium, f\u00fcrs Studium. Nunja, auch. Aber eigentlich wird genau umgekehrt ein Schuh draus. Gerade in der Grenzregion kann man die N\u00e4he zur Sprache nutzen, um sie nicht nur im Schulbuch, sondern direkt im Alltag anzuwenden. Nat\u00fcrlich ist es wichtig, eine Sprache auch durchg\u00e4ngig bis in weiterf\u00fchrende Schulen lernen zu k\u00f6nnen. Aber am besten funktioniert der fr\u00fche und spielerische Spracherwerb. Dann f\u00e4llt es am leichtesten und die Chance ist am gr\u00f6\u00dften, dass die Motivation sp\u00e4ter auch anh\u00e4lt. Daf\u00fcr gibt es die Methode der Immersion, das \u201eEintauchen\u201c in die Nachbarsprache. In der Praxis hei\u00dft das, dass es deutsche und polnische Kitaerzieher*innen gibt, und die polnischen Kolleg*innen nur Polnisch mit den Kindern sprechen. Es gibt gar keinen Sprachunterricht, sondern die Kinder lernen ganz intuitiv, was Ball, Sandkasten oder Apfel hei\u00dft. Ein Kind versteht ziemlich schnell, was man mit einer Sprache so anfangen kann, wenn man damit des Balls oder des Apfels habhaft werden kann. Die Kinder nehmen Sprache als ein nat\u00fcrliches Werkzeug im Alltag wahr und daraus entsteht eine ganz intrinsische Sprachlernmotivation, die gar keine gro\u00dfen Schlagw\u00f6rter wie V\u00f6lkerfreundschaft oder Zusatzqualifikation braucht. Es ist leichter an so eine Motivation in der Grundschule, in der weiterf\u00fchrenden Schule anzukn\u00fcpfen.<\/p>\n<p>Zu Polnisch habe ich damit schon einiges gesagt. Lassen Sie mich aber noch erg\u00e4nzen: Brandenburg hat die l\u00e4ngste Grenze eines deutschen Bundeslands zu Polen. Inzwischen lernen \u00fcber 3000 Sch\u00fcler*innen Polnisch, ihre Zahl w\u00e4chst stetig. Aber wir haben eben auch eine Grenze, die erst seit 2007 offen ist, also keine gewachsene Mehrsprachigkeit. Und es ist noch immer noch so, dass mehr Polen Deutsch als Deutsche Polnisch lernen. Diese Schieflage wollen wir ausgleichen.<\/p>\n<p>Das Prinzip der Immersion finden wir auch in Kitas mit sorbischen und niederdeutschen Erzieher*innen. Wir wissen zwar, dass wir insbesondere beim Sorbischen zu wenig weiterf\u00fchrende Schulen haben, und das sollten wir auch angehen. Das fr\u00fche Sprachlernen sollten wir aber keineswegs gering sch\u00e4tzen, es ist, wie ich gerade versucht habe darzulegen, sogar am wichtigsten, wenn wir eine echte und anhaltende Sprachlernmotivation f\u00f6rdern wollen. Ich w\u00fcnsche mir, dass wir dieses Prinzip in Brandenburg ausweiten und damit den Erhalt von Sprachgemeinschaften st\u00e4rken.<\/p>\n<p>Auf rechtlicher Ebene ist das Sorbische sehr gut verankert: Das Recht auf Bewahrung und F\u00f6rderung von Sprache und Kultur im \u00f6ffentlichen Leben findet sich in unserer Landesverfassung, genauso wie die Vermittlung in Schulen und Kitas. Bereits seit 1994 gibt es das <strong>Sorben\/Wenden-Gesetz. Daraus ergibt sich der Auftrag, allen Kindern und Jugendlichen, die es w\u00fcnschen, ein Angebot zu unterbreiten. <\/strong>Dazu soll der \u201eLandesplan zur St\u00e4rkung der niedersorbischen Sprache\u201c fortgeschrieben werden. Ebenso wie d<strong>ie Sorben\/Wenden-Schulverordnung, f\u00fcr die schon lange Gespr\u00e4che laufen<\/strong>. Sowohl f\u00fcr das Lehrmaterial als auch f\u00fcr den Alltag ist es uns wichtig, Niedersorbisch in der Digitalisierungsstrategie zu ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p>Niedersorbischangebote f\u00fcr mehrere hundert Kinder gibt es in Kitas und Horten, an Grundschulen, an zwei Oberschulen und einem Gymnasium. Erzieher*innen und Lehrer*innen sind inzwischen Goldstaub. Daher wird dies eine wichtige Frage im Rahmen des Mehrsprachigkeitskonzeptes sein. Das gilt \u00fcbrigens genauso f\u00fcr Polnisch. Auch die Lehramtsausbildung wollen wir im Konzept daher in den Blick nehmen.<\/p>\n<p>Auch gibt es in gro\u00dfen Teilen des sorbischen Siedlungsgebietes bisher noch keinen bilingualen oder fremdsprachlichen Unterricht. Ich w\u00fcnsche mir \u2013 und auch das gilt wieder genauso f\u00fcr Polnisch \u2013 dass wir verst\u00e4rkt vom Nachfrageprinzip zum Angebotsprinzip kommen. Nicht \u00fcberall organisieren sich Interessierte selbst und sorgen dann durch hartn\u00e4ckiges Engagement f\u00fcr ein Angebot. Wenn ein Angebot aber besteht, nutzen es erfahrungsgem\u00e4\u00df auch mehr Familien.<\/p>\n<p>Beim Niedersorbischen haben wir also eine sehr lange Tradition der Sprachf\u00f6rderung und gesetzliche Regelungen. Wie sieht es beim <strong>Niederdeutschen<\/strong> aus \u2013 brauchen wir auch ein Niederdeutschgesetz? Diese Frage wollen wir im Rahmen des Mehrsprachigkeitskonzeptes pr\u00fcfen. Das Nieder- oder auch Plattdeutsche wird in den n\u00f6rdlichen Landkreisen Brandenburgs gesprochen. Beharrlich engagiert sich die niederdeutsche Sprachgemeinschaft seit Jahren f\u00fcr den Spracherhalt. Seit 2018 existiert eine Vereinbarung der Zusammenarbeit zwischen dem Land Brandenburg und dem Verein f\u00fcr Niederdeutsch. Inzwischen gibt es die Plattfibel, niederdeutsche Ortsschilder und eine finanzielle Unterst\u00fctzung des Vereins f\u00fcr Niederdeutsch. Es gibt spannende Projekte zu Niederdeutsch in der Pflege und in der Kita. Das trifft genau die Kernpunkte: Spracherhalt bei den urspr\u00fcnglichen Sprecher*innen und Sprachlernmotivation bei den j\u00fcngeren Generationen wecken. Das Forschungsprojekt Sprachvariation in Norddeutschland an der Viadrina hat Platt in Brandenburg untersucht und daf\u00fcr 2016 den Norddeutschen Wissenschaftspreis erhalten. Diese wissenschaftliche Expertise k\u00f6nnen wir f\u00fcr unser Konzept gut gebrauchen.<\/p>\n<p>Auch f\u00fcr <strong>Romanes<\/strong> gibt es seit 2018 eine Vereinbarung mit dem Land Brandenburg. Der Landesverband Deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg w\u00fcnscht sich aktuell jedoch kein staatliches Angebot f\u00fcr Romanes. Das respektieren wir selbstverst\u00e4ndlich. Gleichwohl gibt es immer wieder von Sinti und Roma selbstorganisierte Veranstaltungen und Lesungen, die ich nur sehr empfehlen kann.<\/p>\n<p>Neben den in Brandenburg angestammten Sprachen, wollen wir im Mehrsprachigkeitskonzept auch die Herkunftssprachen von Gefl\u00fcchteten und Migrant*innen in den Blick nehmen. An 29 Orten in Brandenburg lernen Kinder mit Migrationsgeschichte im muttersprachlichen Unterricht zehn verschiedene Sprachen, aktuell sind das Polnisch, Russisch, Spanisch, Franz\u00f6sisch, Rum\u00e4nisch, T\u00fcrkisch, Arabisch, Persisch, Kurdisch und Vietnamesisch. Auch hier gilt, dass Mehrsprachigkeit sich positiv auf den Spracherwerb auswirkt. Herkunftssprachlicher Unterricht kann auch beim Erlernen des Deutschen helfen, wenn beide Sprachen aufeinander bezogen werden. Dann entwickeln Kinder sprach\u00fcbergreifende Kompetenzen. Klar ist nat\u00fcrlich, es braucht beides: gut Deutsch lernen und gleichzeitig die eigene Herkunftssprache. Und zwar nicht das eine zu Lasten des anderen. F\u00fcr Kinder, die mit zwei Sprachen aufwachsen ist es wichtig, sich mit ihrer Identit\u00e4t in diesen beiden Welten immer wieder auseinanderzusetzen und sie gut miteinander zu verbinden.<\/p>\n<p>Worauf kommt es uns nun beim Mehrsprachigkeitskonzept besonders an? Es soll kein Konzept sein, dass nur am Schreibtisch entsteht, sondern in einem breiten Beteiligungsprozess. Wir wollen die Interessensvertretungen der hier lebenden Minderheiten einbeziehen. Ebenso die Akteur*innen, die sich schon seit vielen Jahren f\u00fcr ihre Sprachen engagieren, die Sprachgesellschaften, Vereine und Ehrenamtlichen. Die Lehrkr\u00e4fte und Bildungseinrichtungen. Die Landesintegrationsbeauftragte und die Regionalen Arbeitsstellen f\u00fcr Bildung, Integration und Demokratie. Und nicht zuletzt die Lehramtsausbildung und Mehrsprachigkeitsforschung an den Hochschulen. Wir brauchen eine gute Verbindung von Wissenschaft und Alltag. Daher wollen wir externe Expert*innen und haben die entsprechenden Mittel bereits bei den letzten Haushaltsberatungen eingestellt. Je nachdem wie die Pandemie sich entwickelt, soll der Beteiligungsprozess m\u00f6glichst auf direktem Wege, notfalls aber auch digital stattfinden. Die Ergebnisse wollen wir dann in den beiden zust\u00e4ndigen Aussch\u00fcssen \u2013 dem Ausschuss f\u00fcr Bildung, Jugend und Sport und dem Ausschuss f\u00fcr Wissenschaft, Forschung und Kultur diskutieren.<\/p>\n<p>Die Idee eines Mehrsprachigkeitskonzepts f\u00fcr Brandenburg ist keineswegs neu, aber wir wollen jetzt N\u00e4gel mit K\u00f6pfen machen und es gemeinsam auf den Weg bringen. Ich bitte Sie daher um Zustimmung.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.rbb-online.de\/imparlament\/brandenburg\/2021\/25--maerz-2021\/25__maerz_2021_-_40__Sitzung_des_Brandenburger_Landtags\/sarah-damus--buendnis-90-die-gruenen---top7.html\">&gt;&gt; Video zur Rede (Quelle: rbb)<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.parlamentsdokumentation.brandenburg.de\/starweb\/LBB\/ELVIS\/parladoku\/w7\/drs\/ab_3200\/3204.pdf\">&gt;&gt;Link zum Antrag<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&gt;&gt; Video zur Rede (Quelle: rbb) &gt;&gt;Link zum Antrag<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8,9],"tags":[],"class_list":["post-620","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-imlandtag","category-meine_reden"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.sahra-damus.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/620","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.sahra-damus.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.sahra-damus.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sahra-damus.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sahra-damus.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=620"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.sahra-damus.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/620\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":638,"href":"https:\/\/www.sahra-damus.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/620\/revisions\/638"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.sahra-damus.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=620"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sahra-damus.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=620"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sahra-damus.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=620"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}