{"id":989,"date":"2021-09-30T17:00:28","date_gmt":"2021-09-30T17:00:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sahra-damus.de\/wordpress\/?p=989"},"modified":"2022-05-18T08:52:51","modified_gmt":"2022-05-18T08:52:51","slug":"meine-rede-zum-antrag-der-afd-fraktion-geschlechtergerechte-sprache-an-schulen-untersagen-einheitlichkeit-und-verstaendlichkeit-der-deutschen-muttersprache-sichern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sahra-damus.de\/wordpress\/meine-rede-zum-antrag-der-afd-fraktion-geschlechtergerechte-sprache-an-schulen-untersagen-einheitlichkeit-und-verstaendlichkeit-der-deutschen-muttersprache-sichern\/","title":{"rendered":"Meine Rede zum Antrag der AfD-Fraktion \u201eGeschlechtergerechte\u201c Sprache an Schulen untersagen, Einheitlichkeit und Verst\u00e4ndlichkeit der deutschen Muttersprache sichern!"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Die AfD-Fraktion m\u00f6chte also heute eine diskriminierungsfreie Sprache an Schulen verbieten. Wie sehr Sprache unser Denken und unser Verhalten beeinflusst, dazu haben sich schon viele ge\u00e4u\u00dfert. Dazu sage ich heute nichts, sondern will stattdessen auf Fehlannahme in ihrem Antrag eingehen, die bisher kaum im Fokus stand: N\u00e4mlich, dass es die eine, ewig unver\u00e4nderliche Deutsche Sprache gibt, die wir wie ein Denkmal pflegen und notfalls auch mit Klauen und Z\u00e4hnen verteidigen m\u00fcssen&#8230;.&#8221; <!--more--><!--noteaser-->&#8211; Es gilt das gesprochene Wort!<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>Sehr geehrte Frau Pr\u00e4sidentin,<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>liebe Abgeordnete,<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>liebe G\u00e4ste,<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>die AfD-Fraktion m\u00f6chte also heute eine diskriminierungsfreie Sprache an Schulen verbieten. Wie sehr Sprache unser Denken und unser Verhalten beeinflusst, dazu haben sich schon viele ge\u00e4u\u00dfert. Dazu sage ich heute nichts, sondern will stattdessen auf Fehlannahme in ihrem Antrag eingehen, die bisher kaum im Fokus stand: N\u00e4mlich, dass es die eine, ewig unver\u00e4nderliche Deutsche Sprache gibt, die wir wie ein Denkmal pflegen und notfalls auch mit Klauen und Z\u00e4hnen verteidigen m\u00fcssen. Das kennen wir schon von der AfD, dieses \u201eMimimi, die Welt soll sich bitte nicht \u00e4ndern!\u201c Aber ich muss sie entt\u00e4uschen: Sprache \u00e4ndert sich seit je her. Wir sprechen nicht mehr in 8 F\u00e4llen wie im Gotischen. Wir sagen nicht mehr \u201eWeib\u201c, sondern \u201eFrau\u201c. Das Wort Fr\u00e4ulein ist gerade dabei auszusterben, weil es nicht mehr darauf ankommt, ob eine Frau verheiratet ist oder nicht. Sie alle benutzen W\u00f6rter wie Handy, Laptop, Computer. Wollen Sie darauf verzichten, nur weil es diese W\u00f6rter nicht schon immer gab? Bei der geschlechtergerechten Sprache wollen Sie nun aber den Sprachwandel zur\u00fcckdrehen. Dann bitte ich Sie allerdings auch, k\u00fcnftig in 8 F\u00e4llen zu sprechen, unverheiratete Frauen als Fr\u00e4ulein anzusprechen und das Wort Handys aus ihrem Vokabular zu streichen.<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>Wie kann man aber etwas regulieren, was sich st\u00e4ndig weiterentwickelt? Und in der Tat, hat das BverfG sich anl\u00e4sslich der Rechtschreibreform mal mit der Frage befasst, ob der Staat Sprache regulieren darf. Im Allgemeinen darf er das nicht, denn das w\u00fcrde Pers\u00f6nlichkeitsrechte beschneiden. Wenn Sie eine Postkarte in alter Rechtschreibung verfassen, m\u00fcssen Sie daf\u00fcr keine Strafe zahlen. Das Gericht hat aber auch festgelegt, dass Sprache im Rahmen der Schule reguliert werden darf, wenn es n\u00e4mlich um die Leistungsfeststellung geht.<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>Aber wie wird eigentlich festgelegt, was richtig ist? Der Duden bspw. beobachtet, wie wir als Sprachgemeinschaft sprechen. Sprache ist etwas sehr demokratisches und \u00f6konomisches: Was sich durchsetzt, wird in den Duden aufgenommen. Was wir nicht mehr verwenden, wird aussortiert. Der Duden richtet sich also nach uns. Und wir orientieren uns am Duden. Der Rechtschreibrat hingegen sorgt f\u00fcr eine einheitliche Schreibweise in den L\u00e4ndern mit Deutsch als Amtssprache. Die Dudenredaktion, selbst Teil des Rechtschreibrats, analysiert Milliarden von Belegen aktueller Sprache. Und sie kommt zu dem Ergebnis, dass der Stern das am weitesten verbreitete Zeichen beim Gendern ist. Er ist uns bereits als Platzhalterzeichen bekannt, das f\u00fcr verschiedene oder unbekannte Inhalte stehen kann. Daher passt er gut zur Vielfalt der Geschlechter. Der Doppelpunkt ist schwierig, weil er bereits eine andere Bedeutung hat. Und er ist wiederum ein bin\u00e4res Zeichen, dabei suchen wir doch gerade eine Form, die nicht nur f\u00fcr zwei Geschlechter steht. Er kam auf, weil Vorleseprogramme zun\u00e4chst besser damit klarkamen. Allerdings arbeiten die Softwarefirmen bereits dran, auch den Stern als Pause lesen zu lassen.<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>Das zeigt doch nur eins: eine einheitliche, m\u00f6glichst unmissverst\u00e4ndliche L\u00f6sung w\u00e4re gut. Und das handelt unsere Sprachgemeinschaft \u2013 also wir alle \u2013 gerade demokratisch aus. Nun kann man beklagen, dass der Rechtschreibrat nicht schneller damit ist, eine Empfehlung auszusprechen. Es ist eben nicht so einfach, dass Deutschland, \u00d6sterreich, die Schweiz, Italien, Belgien und Liechtenstein sich einigen. Es w\u00e4re aber wirklich hilfreich, denn die Realit\u00e4t galoppiert uns gerade zu davon. Es sind keineswegs nur staatliche Stellen, die geschlechtergerecht formulieren. Gro\u00dfe Unternehmen wie Audi, Apple, Lufthansa gendern, Verschiedenste Medien, nicht nur die Tagesschau, auch die Brigitte zum Beispiel. Aber alle unterschiedlich. Es geht hier also um Orientierung im Zeichensalat. Der Rechtschreibrat bekr\u00e4ftigt in seiner Pressemitteilung vom M\u00e4rz: \u201e\u2026seine Auffassung, dass allen Menschen mit geschlechtergerechter Sprache begegnet werden soll.\u201c Er hat jedoch den Stern,den Unterstrich oder den Doppelpunkt \u201ezu diesem Zeitpunkt nicht empfohlen\u201c. Er bittet sich also mehr Zeit aus, um die Sprachentwicklung zu beobachten. Nun wollen Sie hingegen die Beidnennung vorschreiben \u2013 Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler \u2013 also. Das ist schon mal ein Fortschritt im Vergleich zur rein m\u00e4nnlichen Form. Es freut mich, dass sie diesen Schritt inzwischen gehen. Nur steht dem eben das BVerfG-Urteil von 2017 entgegen, das eine positive Bezeichnung f\u00fcr weitere Geschlechter fordert. Deshalb wird sich unsere Gesellschaft und auch der Rechtschreibrat weiter mit dieser Frage besch\u00e4ftigen.<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>G\u00e4nzlich abstrus ist allerdings, dass sie auch geschlechtergerechtes Sprechen verbieten wollen. Wir haben keinen Rechtsprechrat, nur einen Rechtschreibrat. Aber weder der, noch der Duden und im \u00dcbrigen auch nicht der Staat kann Menschen vorschreiben, wie sie sprechen sollen. Ich stelle mir gerade Ihre Emp\u00f6rung vor, wenn wir so etwas fordern w\u00fcrden. Sie sind doch sonst immer so schnell dabei, einen bevormundenden Staat herbeizureden. Hier wollen Sie ihn selbst haben!<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">\n<p style=\"padding-left: 40px;\">\n<p><a href=\"https:\/\/www.parlamentsdokumentation.brandenburg.de\/starweb\/LBB\/ELVIS\/parladoku\/w7\/drs\/ab_4200\/4206.pdf\">&gt;&gt; Antrag der AfD-Fraktion &#8211; Drucksache 7\/4206\u00a0<\/a><\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 1\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Die AfD-Fraktion m\u00f6chte also heute eine diskriminierungsfreie Sprache an Schulen verbieten. Wie sehr Sprache unser Denken und unser Verhalten beeinflusst, dazu haben sich schon viele ge\u00e4u\u00dfert. 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